Der Weg einer Entscheidung Teil 8

Manfred war inzwischen klar, dass Alan in diesem Kampf Körper an Körper verlieren würde. Das war umso überraschender wenn man sich Leens Gestalt betrachtete.

Ein kleiner junger Mann mit ungepflegten schwarzen Haaren, aus denen ein paar kleine Felsen von braunen Augen hervorlugte. Manfred wusste nicht, woher er gekommen war, denn er war seines Wissen nach noch nicht hier in der Go-Welt erschienen, wobei sie doch in einer der wenigen Städte wohnten, die eine so lebendige Go-Kultur pflegte. So war es umso erstaunlicher, welche Kraft Leen an den Tag legte.

Die dünnen flachen Muskeln spannten sich unter Leens bleicher Haut bei jedem Angriff wieder an, so als würde er seinen Gegner persönlich berühren und suchen niederzuwerfen. Manfred glaubte sogar, dass es Leen wirklich so empfand, auch wenn sein Stil nicht sehr fein war und von ungebändigter Kraft zeugte, war er doch auf seine Art und Weise konsequent.

Er war sich seiner Sache sicher, hatte ein Ziel vor Augen und war auf dem Weg dies umzusetzen. Daran, dass er dabei wie ein Kind über diesen Weg stolperte und sich von den Blumen am Wegesrand ablenken ließ, waren wohl Unerfahrenheit und ungezügeltes Handeln schuld.

Mit diesem starken Willen aber musste er Alan überlegen sein, der sich immer selbstgefällig auf seine natürliche Kampfkraft gepaart mit seiner Erfahrung verlassen hatte. Der Fehler dieses Weges würde sich wohl an Leen offenbaren, es war gut, dass die Beiden miteinander spielten. Manfred ließ kurz jegliches Handeln fahren und lauschte nur auf die Spieler und ihre Steine, mit denen sie sprachen und fühlten. Wie sie ihr Leben ihre Erfahrungen dort aufstellten.

Die Steine klackten so vor sich hin, beide Spieler keuchten, atmeten schneller als normal und keiner von ihnen würde es bemerken, denn keiner würde es je bemerken, der selbst in der Haut dieser Spieler steckte.

Sie waren nun völlig in der Partie eingetroffen und sie würden sich auch nicht mehr von der Partie wahrlich entfernen können, solange sie fortdauerte. „Wie damals der ehrenwerte Honinbo Shusai und sein Gegner der junge Emporkömmling Kitani Minoru. Haben sie sich wohl auch so gefühlt? Haben sie die gleichen Gefühle gehabt, wie wir Amateure hier? Vielleicht war dem so, vielleicht auch nicht.  Ich weiß es nicht, wahrscheinlich wussten das aber auch wirklich nur die beiden Spieler.“ Die Spieler an dem Brett vor ihm, waren noch nicht so weit auf ihrem Weg fortgeschritten, aber es begann immer im Kleinen.

~klack~

~klack~

~klack~

Manfred öffnete die Augen. Inzwischen war der Kampf oben und in der letzten freien Ecke ausgestanden. Nun würde sich, da auch am Rand nur noch wenig zu tun blieb, die Konzentration der Spieler auf die Mitte richten.

Mit dem Zug Schwarz 95 wurde dieser letzte große Kampf eröffnet. Manfred spürte selbst wie sein Blut im Körper zu wallen schien, als wolle es selbst auch wieder kämpfen, diese Droge an Partie wahrnehmen und so hemmungslos nach einem und nach mehr Punkten streben. Sich selbst auf die Tanzfläche begeben und sich so  wieder frei  bewegen, wild und ungestüm der Kraft freien Laufen zu lassen, ganz als wäre er nie hier gelandet und nie wäre etwas geschehen.

Ach waren das Zeiten, in denen er selbst  immer den Blick auf den Gegner gerichtet hatte, einen Stein stärker zu werden oder zwei, war sein stetes Ziel gewesen. Er hatte sogar das zweifelhafte Glück besessen, Talent zu haben und so schnell emporzukommen mit einem harten Stück Arbeit. Ein Stein, zwei Steine, drei Steine, eine Partie, zwei Partien … und immer weiter. Manfred öffnete die Augen und zwei, drei Momente schien er aufzublühen und voller Wonne zu sein, doch dann wurde er wieder seinem Körper gewahr und rannte praktisch vor die Tür.

Drinnen von diesen Ereignissen unbemerkt, ebbte auch dieser letzte Kampf ab. Schwarz hatte es geschafft stark gegen die weißen Ränder zu drücken, hatte dafür aber auch ein tiefes Eindringen in seine Mitte hinnehmen müssen. Es war unerbittlich wie diese Partie geführt wurde, nun versuchte Alan alles zu bekommen und übernahm so die wertvolle Initiative mit dem Zug 114.

Aber er war viel zu gierig, wie immer und so versuchte er alles zu halten, wodurch seine Schnittsteine geschwächt und schlussendlich gefangen wurden. Eigentlich war der Schnitt gut gewesen, ja sehr kraftvoll und auch wertvoll, aber natürlich hätte Weiß bereit sein müssen, für diesen großen Gewinn ein wenig woanders abzugeben. Dieses Zurückweichen aber war für die Spieler undenkbar, sodass Schwarz geschickt alle seine  Probleme lösen konnte, obwohl er es ursprünglich gewesen war, der zu unnachgiebig handelte. Spätestens hier war die Melodie schief geworden und glich mehr tosendem Wasser, welches sich entschied mal so und dann wieder so zu sein, aber stets die Zerstörung im Blick hatte und nicht mehr.

Allan marschierte als würde er diese Tatsache gar nicht wahrnehmen weiter voran.

~klack~

~klack~

~klack~

Konsequent opferte er drei Steine, um so weiter in Leens Pseudogebiet hereinzulaufen, aber so verlor er drei wichtige Steine, drei Schnittsteine, das war eigentlich inakzeptabel und auch so sollten Opfer wohlüberlegt sein und nur gespielt werden, wenn es etwas eindeutiges im Tausch dazu gab. Aber dies schien den Spielern egal zu sein, eine eigenartige Nachlässigkeit hatte sich in ihrem engstirnigem Kampf breit gemacht. Es stimmte Weiß hatte für den Fakt, dass er die Schnittsteine, die wenig Punkte brachten hatte fangen lassen, viele Punkte am unteren Rand gutmachen können und dafür auch wieder die Mitte zu reduzieren, also durchaus ganz ansehnliche Argumente, jedoch machten sie trotzdem nicht das Opfer wett, dass Weiß geleistet hat. Leen nunmehr riegelte die Brettmitte ab

~KLACK~

und schien die Geduld mit Alan zu verlieren, denn der Stein kam wieder mit einem energischen Knirschen auf dem Brett zum Liegen. Das Mittelspiel war mit diesem Zug 137 spätestens beendet und die Gebiete war im Groben abgesteckt. Die große Schlacht war vorbei, die Einheit all der Kraft fiel auseinander, die große Anspannung war vorüber, das Endspiel begann. Kleine Scharmützel würden noch auf dem Brett toben, aber ihre globale Relevanz wird gering sein. Die Generäle waren nur noch daran interessiert, welchem Gemetzel ihre Aufmerksamkeit primär gelten sollte, sie erkannten nicht, dass die Harmonie schon längst durch ihren Kampfeswillen und Engstirnigkeit verloren war, denn das Mittelspiel war schon früher vorbei gewesen, im Ganzen war es nur großes Endspiel gewesen, aber das war ihnen egal und so gingen sie weiter ihren Weg entlang und ließen keine Opfer zu, was  bei Zug 148 noch einmal zu einer Tragikmomödie führte, als Schwarz bedacht darauf einen Stein zu retten, was keineswegs wenig wert war, allerdings einen viel größeren Schnitt zuließ, den Schwarz nicht verhindern konnte und seinen lokalen Verlust akzeptieren musste und so viel mehr verlor, als er zuvor gewann. Dieser Umstand entlockte Alan einen leisen Schrei der Freude, den er zwar zu unterdrücken suchte, aber keineswegs gänzlich zum Verstummen bringen könnte. Daraufhin blickte Leen auf und einen winzigen kurzen Moment war Hass in seinen Augen, doch dann besann er sich, schnappte praktisch nach Luft und vertrieb diesen Schatten von seiner Seele, doch er war dort eingraviert unumkehrbar.

~klack~

~klack~

~klack~

Langsam verschoben sich die letzten Grenzen und dann … dann war es plötzlich vorbei, alles war vorbei all die Kraft, all die Wünsche, all die Gedanken waren gesprochen worden durch die Steine, nichts war mehr zu tun und so wurde gezählt. Kraftlos schoben die beiden Spieler Steine über das Brett, um ein leichteres Auszählen zu ermöglichen, wenn man die Beiden so betrachtete hatte man Angst, dass sie bald nicht mehr die Kraft fänden die Steine zum Liegen zu bringen, dann war aber auch wie durch ein Wunder das geschafft und das Ergebnis stand fest. Schwarz hatte mit 6,5 Punkten nach Komi gewonnen.

~klack, klack, klack~

Müde räumte Alan seine Steine weg und als die Steindosen wieder auf dem Brett zum Liegen kamen, zum Zeichen, dass sie wieder von ihren menschlichen Fehlern befreit waren und nun andere sich ihrer annehmen konnten. Alan brachte nur noch ein erschöpftes: „Danke für die Partie.“, und eine knappe Verbeugung hervor, ehe er ausbrach und nach draußen, von dannen rannte. Manfred schaute draußen noch kurz auf. Er brachte nur noch ein schwaches „Alan …“ hervor, ehe dieser schon außer Hörweite war, keiner von Beiden hatte die Anfänge beziehungsweise Reste der Tränen gesehen in den Augen des Anderen. Leen blieb alleine am Brett sitzen und sann über das eben Geschehene nach. Kopfschüttelnd schloss er die Augen. „Ich bin so erschöpft, das war eine seltsame Partie.“, dachte er noch ganz bei sich, ehe er einschlief inmitten dieses Raumes auf diesem Stuhl.

 

5 Kommentare zu “Der Weg einer Entscheidung Teil 8

  1. Das wäre ziemlich unhöflich am Ende noch einmal in das gegnerische Gebiet zu setzen wohl wissend, dass man sterben sollte und mit keinem wirklichem Potential in der Umgebung. Da es sich vor allem hier um eine Freundschaftspartie handelt, wäre es auch nicht wirklich begründbar, es zu tun.

    Verstehe mich nicht falsch, es ist nicht ungehörig, wenn man im Nachteil gerät, etwas Exotisches zu versuchen, aber dann sollte es vor Ende der Partie geschehen, wo wirklich nicht ganz klar ist, wie es weitergeht.

  2. Hallo,
    vielen Dank für die Antworten.
    Ich als Anfänger (weiß) hätte am Ende einfach nochmal auf G17 gespielt und versucht noch ein paar Punkte zu holen, da ich deutlich hinten liege. Ist zwar nicht die Feine-GO-Art aber jeder macht mal Fehler (auch der Gegner).
    Ich denke, dass das Problem schon bei Zug 9 begann … vielleicht hätte weiß vorher mit Zug 6 eine Ecke angreifen sollen?
    Hätte, hätte Fahrradkette … 😉

  3. Das kommt darauf an, wann du dort eindringen willst. Am Ende der Partie sicher nicht mehr, denn die schwarzen Mauern sind so fest und der Platz ist so klein, dass es bei ordentlichem Spiel keine Variante gibt, wie Weiß innen leben kann. Oder hast du eine andere Stelle im Kopf, wann man da spielen sollte? Je nach Situation ist es vielleicht eine Überlegung wert, also wenn du mir schreibst wann, setze ich mich an eine kleine Analyse ran 😀

  4. Hätte man die großen Gebiete des Gegners nicht nochmal angreifen können?
    G/H 17 und Umgebung oder die rechte untere Ecke?
    Grüße

    — Sorry ich meinte die linke untere Ecke :-)

    1. (Ich habe deine beiden Kommentare einmal zusammengefügt)

      Man kann vieles, aber ob es sinnvoll ist, das ist eine ganz andere Frage.
      Sicher will Falkenfreund hier auch noch antworten und vermutlich kann er das auch besser als ich. :)

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