Der Weg einer Entscheidung Teil 27

Celia spazierte die Straße entlang. Heute war es kalt und sie hatte sich in einen dicken Schal gewickelt. Sie freute sich schon jetzt auf den Frühling.
Das war eine Zeit in welcher alles aus dem Winterschlaf erwachte. Eine Zeit, in der sich die Lebensgeister wieder regten. So lange würde es gar nicht mehr dauern und diese Kälte erschien wie ein letztes Aufbegehren des Winters. Er würde diesen Kampf verlieren, das stand jetzt schon fest. Er hatte ihn bisher jedes Jahr verloren und würde das auch diesmal wieder tun. Verlieren gehörte zu seiner Existenz – gehörte zu jeder Existenz.
Inzwischen hatte sie das begriffen, hatte das durch Go gelernt. Aufgeben, verlieren und auch zurückstecken gehörten genauso dazu wie sich zu wehren, dem Gegner mutig entgegen zu treten und auch einmal etwas zu riskieren.
Da gab es keinen Unterschied, ob es auf dem Brett, oder im Leben geschah. Nur hatte es auf dem Brett eine begrenzte Wirkung, die nicht über das einzelne Spiel hinaus reichte. War das Spiel beendet, konnte man wieder von Vorn beginnen. Anders im Leben, denn hier gab es kein Zurück, nur ein Vorwärts. Trotzdem waren Entscheidungen nichts, was man bereuen sollte. Selbst wenn sie sich später als ungünstig, oder sogar falsch erwiesen, hatte man sicher seine Gründe, warum man sich genau so entschieden hatte. Da man nicht in die Zukunft sehen konnte, stellte sich später oft heraus, dass man sich besser anders entschieden hätte, aber darum hätte man sich zu dem Zeitpunkt der Entscheidung noch lange nicht besser entscheiden können. Das lag einfach daran, dass man eben nicht wusste, was auf einen zu kam. Einige Züge, einige Reaktionen konnte man voraus ahnen, aber nicht wirklich wissen.

Sie hob die Hand, um Aiden zu winken, der an der Kreuzung auf sie wartete. Dort hatten sie sich verabredet, um Manfred einen Besuch abzustatten. Das sollte ganz unabhängig vom Go geschehen, denn irgendwie hatte Celia in der letzten Zeit das Gefühl, dass er zu viel alleine war. Doch es gab ja noch viele andere Dinge, die man tun konnte, außer Go zu spielen.
Heute hatte sie ein ganz anderes Spiel in ihrer Tasche dabei. Man konnte es zu dritt, oder zu viert spielen. Etwas Abwechslung hatte noch niemandem geschadet und Celia wollte Manfred ein wenig ablenken. Dort wo es Alan seit dem Simultanspiel wieder besser ging, schien bei Manfred genau das Gegenteil zuzutreffen. Er wirkte oft so abwesend und nachdenklich, dass die jungen Leute sich fragten, was vorgefallen war.

„Hallo Celia!“ wurde sie schon von Weitem freudig begrüßt.
Sie selbst wartete, bis sie näher heran war und leiser sprechen konnte, ehe sie Aidan ihrerseits begrüßte.
„Isa hat leider doch keine Zeit,“ erklärte er, „sie muss noch etwas wichtiges für die Hochzeit ihrer Schwester vorbereiten. Da wird sie in letzter Zeit ziemlich eingespannt.“
„Oh, verstehe, na dann spielen wir eben nur zu dritt. – Jedenfalls wenn wir Manfred zu einem Spiel überreden können.“
Celia hatte Manfred noch nie ein anderes Spiel als Go spielen gesehen. Vielleicht würde er sich ja weigern ein anderes Spiel zu versuchen. Aber die Regeln waren einfach und es machte trotzdem großen Spaß. Obwohl Isa abgesagt hatte, waren sie bester Laune und machten sich auf den Weg zu Manfred.
Das Café hatte noch geöffnet und so beschlossen sie zuerst noch etwas warmes zu trinken, ehe sie Manfred auf die Pelle rückten. Dieser begrüßte sie mit einem leichten Lächeln und freute sich offenbar, dass Celia nicht allein unterwegs war.
„Hast du heute Abend schon etwas vor?“ fragte Aiden den Älteren, der jedoch nur die Schultern zuckte.
„Vielleicht seh ich mir den neuen Krimi an…“
Besonders überzeugend wirkte er dabei nicht, weswegen Aiden die Gelegenheit nutzte und ihm verkündete, dass sie beide ihn dann zu einem Spiel herausforderten.
Manfred war zuerst etwas skeptisch, doch Aiden ließ sich einfach nicht mit ein paar Worten abspeisen und so sagte er schließlich doch zu.

 

Fortsetzung folgt…

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