Der Weg einer Entscheidung Teil 33 (Intermezzo)

Er war alles andere als ein Stammgast in diesem Café, aber ein Kommilitone hatte ihn hierher verschleppt. Es stimmte zwar, dass er am Ende bereitwillig mitgekommen war, aber er hatte doch so wenig Ahnung, dass er glaubte, dass er sich hier gerade bis auf die Knochen blamierte. Sein Freund war schon viel besser als er. Sie hatten gemeinsam angefangen, doch er war ihm einfach davongezogen und erst hatte er zwei Vorgaben nehmen müssen, dann drei, dann vier und nun waren sie bei fünf angelangt und er konnte nicht behaupten, dass die Partie gut für ihn stand. Es war aber auch deprimierend, immerhin starben ihm immer die Gruppen, wenn er seine Gruppen so weit aufzustellen versuchte, wie die seines Kommilitonen und wenn er mal versuchte eine seiner Gruppen zu töten, so entkam sie einfach. Egal wie sehr er sich anstrengte, egal wie sehr er es versuchte, er schien ihn einfach nicht zu packen zu kriegen. Inzwischen war er dazu übergegangen seine Gruppen und sein Gebiet für Angriffe unverletzbar zu machen, auch wenn er praktisch merkte, wie dadurch ihm die Punkte durch die Finger glitten, aber immerhin starb er nicht mehr auf dem Brett, auch wenn er dadurch weiterhin verlor. Es war doch aber eben eine Krux, wenn er zu passiv spielte, verlor er, wenn er jedoch zu aktiv spielte, verlor er noch höher. Wie sollte er das nur lösen?

Er strengte sich an, und zwar wahrscheinlich sogar mehr als sein Kommilitone glaubte, der gerade genüsslich die Jagd auf drei seiner Steine eröffnete. Plötzlich stutzte er, etwas wunderte ihn bei der Brettstellung. Sicher er musste mit seinen drei Steinen loslaufen, wenn er nicht einen einfachen Verlust erleiden wollte, aber neben den drei Steinen lag doch eine Gruppe seines Kommilitonen, die mindestens so schwach war, wie seine eigene und wenn er jetzt raussprang, konnte er diese angreifen, vor allem wenn sein Kommilitone es weiter ablehnte, diese zu verteidigen, sondern völlig  auf den Angriff fixiert war. Aber konnte das sein? Immerhin war er es, der hier die fünf Steine Vorgabe nehmen musste und es konnte doch nicht sein, dass er als schwächerer Spieler so einen eklatanten strategischen Fehler bemerkte, den sein Gegner nicht merkte. Oder doch? Zweifel machte sich breit in ihm, aber dann sagte er sich, dass er ohnehin rauslaufen müsste, wenn er da nicht sterben wollte und so legte er langsam mit  einem *Klack* den Stein auf das Brett, die Antwort lag sogleich auf dem Brett, es war ein weiterer Angriffszug. Verwirrt hielt er wieder inne. War die Gruppe nicht in Gefahr, die er gerade einzuschließen gezwungen wurde?  Wie sollte das nur funktionieren? Es musste doch er sein, der sich hier irrte … oder etwa nicht? Langsam umkreiste er die Gruppe seines Kommilitonen weiter und weiter und jener griff ihn immer weiter an und forcierte ihn, die Gruppe schlussendlich vollends einzuschließen. Jetzt erst schien er zu merken, was er getan hatte, denn sogleich fing er an seine Stellung zu bedrohen, um mehr Platz zu bekommen, um zwei Augen bauen zu können. Er antwortete ganz ruhig, weil es sich ihm nicht erschloss, wie er darin noch zwei Augen bauen wollte. Er rechnete nach jedem Zug nach, aber da war nichts, sein Kommilitone würde schon Probleme kriegen noch ein Auge zu bauen, geschweige denn zwei und während seine Schwächen außen immer weiter abnahmen, zog sich die Schlinge um die Gruppe seines Kommilitonen immer weiter zu und dann war es nach einer gefühlten Ewigkeit der Qual geschafft, er legte einen letzten Stein mit Bedacht auf den vitalen Punkt der Gruppe. Eine Minute verging, dann zwei und langsam hob er den Kopf, denn bisher hatte er in dieser Zeitspanne immer das *Klack* vernommen, was anzeigte, dass sein Kommilitone wieder einen Stein gelegt hatte.

Zu seiner Überraschung sah er großes Erstaunen im Gesicht seines Gegenübers und es musste nur eine weitere Minute vergehen, ehe er das: „Ich gebe auf“, vernahm. Mit einem Lächeln sprach sein Kumpel weiter: „Das war echt gut von dir gespielt, da habe ich nicht aufgepasst.“ Er konnte es nicht fassen, er hatte gewonnen … und es war so erstaunlich einfach gewesen. Was war diesmal anders gewesen als zuvor? Innerlich mit dem Kopf schüttelnd, räumte er das Brett ab und vernahm: „Noch eine Partie?“ Mit einem Kopfschütteln lehnte er ab und stand auf. „Bis dann.“ Auf dem Weg hinaus, sah er zwei Spieler vor einem leeren Brett, worauf wohl gleich eine Partie beginnen sollte. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit war er erstaunt, was für eine seltsame Atmosphäre über den Brett zu schweben schien, wo doch noch gar kein Stein gespielt war.

 

Grübelnd verließ er das Café, irgendwie konnte er sich nicht erwehren, bisher etwas grundsätzlich falsch gemacht zu haben.

 

Fortsetzung folgt …

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