Der Weg einer Entscheidung Teil 35

Regen prasselte auf die Straßen. Es war sehr wohltuend, nach der langen Trockenphase im Sommer. Jeder Grashalm schien sich geradezu gierig danach zu recken. Es war viel passiert in der letzten Zeit und jede Minute der Ruhe schien kostbarer den je.
„Was ist dann passiert?“ wollte Manfred wissen und musterte Celia erneut. Ihre Haut sah ein bisschen blass aus und sie wirkte nervös. Das war kein Wunder, nach allem was passiert war. Sie war alleine zu ihm gekommen, weil sie jemanden zum Reden gebraucht hatte. Es lag zwar ein Go-Brett zwischen ihnen, aber das Spiel war zur Nebensache geworden.
„Ich bin gegangen, als er mich angeschrien hat. – Früher hätte er das nie getan. Aber jetzt ist alles anders und es macht mir Angst.“
Celias Vater hatte sich durch Unfall und Krankheit sehr verändert. Da sie so feinfühlig war, ging ihr das sehr nahe. Sie hatte es einfach nicht mehr in seiner Nähe ausgehalten. Ihre Mutter hatte schließlich eingesehen, dass es besser war und ihr geholfen das Studium wieder aufzunehmen. Der Abstand zu ihren Eltern war genau das, was sie nun brauchte. Zwar war das auch nicht ganz einfach, da sie ein Semester nicht mehr über das Studium nachgedacht hatte, doch alles war besser als die angespannte Situation bei ihren Eltern zuhause.
„Mir wurde das alles einfach zu viel, darum bin ich wieder hier.“
Einer ihrer Go-Steine landete mit einem Klacken auf dem Brett. Sie spielte heute wirklich mies, aber Manfred sage nichts dazu. Bei allem was Celia gerade durch den Kopf ging, war es kaum verwunderlich, dass sie sich nicht konzentrieren konnte. Er antwortete ruhig, gelassen und nicht so angriffslustig, wie er es sonst vielleicht getan hätte.
Hier ging es gerade noch weniger darum zu gewinnen als sonst. Celia merkte selbst, dass sie kaum bei der Sache bleiben konnte, doch das gleichmäßige Klacken der Steine hatte etwas beruhigendes.
„Danke, dass ich kommen durfte.“
Es war Sonntag und eigentlich einer jener Tage, die er sich für Liane frei gehalten hatte. Seit sie die ersten Hürden überwunden hatten, trafen sie sich häufiger. Heute jedoch hatte er ihr abgesagt, denn es war wichtig, dass Celia jemanden hatte, der sich Zeit für sie nahm. Der jungen Frau tat es gut mit jemandem zu reden, der einfach nur zuhörte und nichts mit der Sache zu tun hatte.
Aiden war zwar ein netter Kerl, aber im Zuhören war er nicht gerade der Beste. Dafür war er unschlagbar im Aufmuntern und das würde ihr in den nächsten Tagen sicher viel helfen.
„Du kannst jeder Zeit vorbeikommen.“ erklärte Manfred, denn für etwas so wichtiges würde er sich immer Zeit nehmen.
Ohne das Spiel richtig zu beenden, oder noch einen blick auf das Ergebnis zu werfen, räumten sie die Steine ab. Es war nicht wichtig, was herausgekommen war, es ging hier nur um das Spiel selbst und um Celia. Sie streckte sich und sah Manfred an: „Ich hoffe, es war die richtige Entscheidung.“
Manfred lächelte, denn das würde sich wohl erst mit der Zeit zeigen.

Manchmal musste man unangenehmen Entscheidungen treffen, manchmal scheiterte man daran was einem das Leben abverlangte und musste Abstand nehmen. Manfred war der Meinung, dass Celia genau richtig entschieden hatte. Sie musste jetzt das tun, was ihr gut tat und wenn das der Abstand zu ihren Eltern und ihrem Geschäft war, dann sollte es so sein. Es war gut, dass sie hier Freunde hatten, die ihr in dieser Situation halfen und er selbst war froh, dass sie ihm so sehr vertraute. Manfred hatte nicht vor dieses Vertrauen zu enttäuschen und würde ihre Sorgen für sich behalten. Sie sollte selbst entscheiden, wem sie davon erzählte und wen sie lieber aus der Sache heraus hielt.

Fortsetzung folgt…